Exklusivinterview mit Johan Roijakkers Teil1

15.07.2015 Interview mit Johan Teil 1

Der Artikel - jetzt auch hier auf der Veilchen-Power e.V. Internetseite zum Lesen. (Quelle: http://basketball.de/bbl/exklusiv-interview-mit-johan-roijakkers-teil-1)

15.07.2015 || 18:42 Uhr von: ,
Der Dirigent bei der Arbeit
Johan Roijakkers ist ein vielbeschäftigter Mann. Zeit ist Geld und viel Geld haben wir in Göttingen nicht. In der Off-Season muss Coach Roijakkers zumindest nicht zu Regionalligaspielen in den tiefsten Ostharz nach Asc...

Johan Roijakkers ist ein vielbeschäftigter Mann. Zeit ist Geld und viel Geld haben wir in Göttingen nicht. In der Off-Season muss Coach Roijakkers zumindest nicht zu Regionalligaspielen in den tiefsten Ostharz nach Ascherlsleben fahren, um dort seine Göttinger Jungtalente zu beobachten. Im Sommer heißt es Las Vegas statt Aschersleben. Bevor es zum Flughafen ging, fanden wir Zeit für ein ausführliches Gespräch. Danach war Johan Roijakkers von Göttingen so beseelt, dass er direkt am nächsten Tag eine Pressekonferenz einberufen hat, um seine Vertragsverlängerung bis 2018 zu verkünden.


Vor ziemlich genau drei Jahren hatte es auch eine PK gegeben. Auf ihr wurde der damals 31-jährige Niederländer in Göttingen als neuer Trainer vorgestellt. Göttingen war gerade in die ProA abgestiegen und die neu gegründete ProBG wagte nach der Insolvenz der Vorgänger-GmbH den Neustart − Zeit für eine Bilanz. Viel Gutes hat sich getan und für uns besteht kein Zweifel, dass ein Mann daran maßgeblichen Anteil hat.

Court Review: Wir haben davon geträumt, dass Godbold auch noch den dritten Dreier trifft. Du auch? (Dieser hätte die Verlängerung im letzten Saisonspiel gegen Ludwigsburg bedeutet. Der Sieger erreichte Platz acht.)

Johan Roijakkers: Im Moment träume ich davon nicht. Aber ich erinnere mich, dass wir nur eine Chance hatten, das Spiel zu gewinnen, und zwar mit Dreiern. Das haben wir versucht und es beinahe geschafft. Es ist, wie es ist: Ludwigsburg war die stärkere Mannschaft und die haben verdient gewonnen. Ich war zufrieden über das Comeback meiner Mannschaft. Das haben wir oft gemacht dieses Jahr.

Das „was wäre wenn“ ist also mehr so eine Fansache.

Ich habe gedacht, dass ich gerne mehr als drei Punkte von meiner Bank bekommen hätte. Träumen? Ich will immer gut spielen. Ich will, dass wir so spielen, wie ich das möchte. Und ich denke, wenn wir das machen, haben wir viele positive Ergebnisse.

Die hatten wir!

Es geht nicht darum, sich viele Gedanken über das Gewinnen zu machen. Es geht um den Prozess.(c) Sabine Klar2015-3982

Lieber ein gutes Spiel mit einer knappen Niederlage oder lieber ein schlechtes Spiel mit einem glücklichen Sieg?

Gute Frage … Was wollen die Zuschauer?

Ein gutes Spiel sehen.

Gegen ALBA haben wir verloren, aber ich habe von niemandem einen negativen Kommentar gehört. Man kann nicht immer gut spielen und verlieren. Dann macht man etwas falsch. Am Ende muss man die Balance haben.

Unsere Balance hat gestimmt. Sasa Obradovic hat die Wahl zum Coach of the Year mit 88 Stimmen gewonnen. Du bist mit 83 Stimmen knapp dahinter Zweiter geworden. Typisches Basketballergebnis. Beide Top-Coaches verlieren gerade ihre besten Spieler. Ungerecht?

Das weiß man, wenn man in Göttingen Coach ist. Wenn man einen guten Job macht, verliert man die Topspieler, weil wir die nicht mehr bezahlen können. That’s the business! Wenn wir all diese Spieler dieses Jahr behalten könnten, hätten wir was falsch gemacht.

Das bedeutet, den Wert des letztjährigen Teams und ihrer Arbeit können wir gut an den jetzigen Wechseln ablesen?

Ja. Wenn Raymar Morgan nach Panathinaikos geht (Anm. d. Red.: Inzwischen wurde der Wechsel zu Ratiopharm Ulm offiziell bestätigt) und Alex Ruoff nach Bilbao, sagt das viel über den Wert dieser Spieler. Harper Kamp geht nach Ludwigsburg − auch nicht schlecht. Ganz Europa hat mich wegen El-Amin angerufen. Es ist eigentlich unmöglich, in einer Saison noch einmal so viele Spieler unter ihrem Marktwert zu bekommen.
Aber man muss auch sehen, dass es mit Alex zwei Jahre gedauert hat. In Belgien war Alex nicht so gut. Keiner wollte ihn. Er musste viel lernen, „on the court“ und „off the court“. Er konnte auch viel von El-Amin lernen. Das Problem ist: Einen wie Alex Ruoff kann ich finden, aber ich habe nicht zwei Jahre Zeit! Das ist der Vorteil, wenn man ProA spielt. Da können diese Spieler Erfahrungen machen und wenn sie aufblühen, kann man sie behalten. Nicht jeder BBL-Verein will Spieler aus der ProA.

Wird dieser Nachteil dadurch aufgewogen, dass die BG dank Dir zu einer guten Adresse für Spieler und Agenten geworden ist?

Für die Amerikaner ist es jetzt noch zu früh. Die Spieler sind alle noch zu teuer für uns, aber im August werden da einige gute Spieler sein, die noch keinen Verein haben und dann werden einige Agenten, zu denen wir gute Beziehungen haben, sagen: „Hey, schau! Da war Raymar Morgan. Der hat da eine Saison gespielt und dann hat er danach in Athen in einem Monat so viel Geld verdient, wie viele Spieler in Göttingen in einem Jahr. Vielleicht ist es eine gute Sache, dahin zu gehen!“

„Jeder Nachteil hat seine Vorteile“ scheint uns ein gutes Motto zu sein. Welcher Deiner Landsmänner hat das gesagt?

Johan Cruyff natürlich.

Korrekt. Die BG Göttingen ist für viele die positive Überraschung der abgelaufenen Saison. Für Dich auch?

So denke ich nicht. Ich hoffe immer, dass ich das Maximale aus meinen Spielern herausholen kann. Ich wusste, wenn es uns gelingt, sie auf ihr eigentliches Niveau zu bringen, haben wir mit El-Amin und Morgan zwei Top-Spieler.

Raymar Morgan knickte direkt zu Beginn der Vorbereitung um. Ein Tiefschlag?

Ich kann mich noch gut an Morgans medizinischen Check erinnern. Der Arzt hat mich gefragt: „Coach, bist du sicher, dass der Mann Basketball spielen kann?“ Er konnte nicht richtig auftreten. Er konnte nicht einmal rauf und runter laufen. Vielleicht war die Verletzung, die er dann bekommen hat, eine Hilfe für uns. Der Kraftunterschied zwischen seinen Knien war so groß, dass eine erneute Verletzung sehr wahrscheinlich war. Er war noch nicht bereit, Basketball zu spielen. Durch seine Knöchelverletzung haben wir Zeit gewonnen. Er konnte nicht spielen und war stattdessen 2-3 Mal am Tag bei Rainer Junge in der Reha und hat an seinen Knien gearbeitet.

Jeder Nachteil hat seine Vorteile….

Ja, so muss man die Sache sehen und so muss man in Göttingen arbeiten. Da sind so viele Sachen… Es ist nicht immer besser auf der anderen Seite. Wir haben noch keine Trainingshalle und nicht dies und das, aber wir haben auch Stärken. Es ist wichtig für ein Team, die gegenseitigen Stärken zu sehen. Das gilt auch für die Spieler. Wenn du dir Dominik Spohr oder Jamal Boykin ansiehst, musst du ihre Stärken sehen. Wenn du von Spohr Rebounds über dem Ring, Drives zum Korb sehen willst, wenn du dich auf seine Defense fokussierst, wirst du ein Problem bekommen. Wenn du aber siehst, dass Dominik ein unglaublicher Shooter ist und in jedem einzelnen Play unglaublich hart spielt… Sieh die Stärken des anderen und nutze sie! Wenn du dich gegenseitig auf die Stärken konzentrierst, wirst du ein gutes Team. Wenn du dich gegenseitig auf die Schwächen fokussierst, kann das eine lange und schwierige Saison werden. Es ist meine Aufgabe, die Spieler in die Position zu bringen, das zu erkennen.

Es wurde gerade am Anfang thematisiert, dass Du eher kühl und distanziert seiest. Nach dem letzten Saisonspiel hat die ganze Halle nach Dir gerufen: „Wir wollen den Trainer sehen!“ und Du bist gekommen.

Am Anfang war das nicht so. Die Ursache lag nicht bei den Fans, sondern bei mir. Ich kann nur sagen: Ich mag Göttingen sehr und es ist großartig hier zu sein. Ja… es war schön. Es war ein tolles Erlebnis. Die Menschen sind wirklich nett hier. Es ist schön, wie sich die Dinge entwickelt haben. Besonders auch in der S-Arena. Nach der Lokhalle dachte ich, es könnte schwierig werden, wieder zurück zu gehen, aber die S-Arena war nachher auch unglaublich. Es ist nicht mehr die S-Arena von früher.

Das hat es in Göttingen auch noch nicht gegeben, dass so viele Spiele am Stück ausverkauft waren.

Morgan, El-Amin, Ruoff, Kamp − das sind Spieler, da kommen die Leute, um sie zu sehen. Und dann spielt ein Onwuegbuzie auch einige Spiele.(c) Sabine Klar2014 -4628

Auch bei den beiden NBBL – Turnieren waren jeweils über 300 Leute in der Halle.

Ja. Das finde ich eine super Sache an Göttingen. Ich sage das immer zu meinen Freunden in Holland und ich habe denen auch die Fotos geschickt: Da ist U20 Basketball und da kommen 300, 400 Leute. In Holland: fünf Leute vielleicht. JBBL, NBBL − das ist so schön in Göttingen. Beim Regiospiel können auch 200 Leute sitzen.

Im Rückblick sieht Deine Trainerkarriere sehr zielstrebig aus: Jugendtrainer in den Niederlanden, Co-Trainer in Belgien und in der D-League, Mitarbeit bei den Houston Rockets, Headcoach in der Slowakei, wo Du mit Prievidza Meister wurdest. Hat sich das alles so ergeben oder verfolgst Du bewusst einen Karriereplan?

Es war weder alles geplant noch alles Zufall. Es war ein Mix. Dass der erste Job als Headcoach sich in der Slowakei ergab, war Zufall, es hätte auch eine vergleichbare Liga sein können.

Wir denken, dass Göttingen für Deine Entwicklung nach der Meisterschaft in der Slowakei der perfekte Ort war.

Perfekt. Göttingen hat einen guten Namen in Europa. Ich vergesse niemals mein Jobinterview. Es gab einen klaren Plan. Es gab eine Powerpoint-Präsentation und es wurde klar gesagt: Da sind wir jetzt. Das ist der Etat. Das kannst du für die Spieler ausgeben. In zwei Jahren wollen wir zurück in die BBL. Ich habe das studiert und mir gesagt: Hier ist ein Plan und hier ist auch Tradition und ich kannte auch die Göttinger Fans.

Aber auch Göttingen wird für Dich nur eine Zwischenstation sein.

Ich bin 34. Göttingen wird nicht mein letzter Verein sein. Ich fühle mich wohl hier und ich bin nicht auf der Suche nach etwas anderem.

Anmerkung des Autors: Tags darauf wurde von der BG die Vertragsverlängerung bis 2018 bekannt gegeben.