Alex Ruoff im Interview

26.03.2015

Der Artikel - jetzt auch hier auf der Veilchen-Power e.V. Internetseite zum Lesen. (Quelle: http://courtreview.de)

Alex Ruoff im Interview: “Kein Team in dieser Liga will in den Playoffs nach Göttingen kommen.”

(c) Sabine Klar2015-3963

College, Fische, Hunde und Baumärkte sind abgehakt. Nun kommen wir zu den harten Themen. Wir sind ja nicht nur zum Spaß hier! Wir wollen verstehen. Der Mann ist hochveranlagt, hat sich aber in der Vergangenheit bei manchen den Ruf einer Diva erworben (also… mindestens bei einem). Der Zeitpunkt erscheint günstig, denn seit einigen Wochen tritt Alex so auf, wie wir es eigentlich schon immer von ihm erwartet haben.


Court Review: Das war das Warmup. Nun zu den ernsthaften Fragen. Du hast neulich auf Twitter John Wooden, den erfolgreichsten Trainer des College-Basketballs zitiert:

„You can’t let praise or criticism get to you. It’s a weakness to get caught up in either one.“

Zu 100 % leben kann man das nicht, oder?

Alex Ruoff: Das ist ein sehr wichtiges Zitat. Jeder Athlet sollte es kennen. Basketball ist ein schwieriges Spiel. Mal spielst du gut, mal spielst du schlecht. Es geht hoch und runter. Wenn du damit gut umgehen willst, musst du diese Mentalität entwickeln. Wenn du gelobt oder kritisiert wirst, darf das keinen Effekt auf deine Arbeitsweise haben. Zu der Zeit, als ich das Zitat getwittert habe, hatte ich einige gute Spiele hintereinander und habe eine Menge gute Rückmeldungen von Fans bekommen. Das darf mich aber nicht bequem werden lassen.

Du bist in den letzten Wochen in einer herausragenden Verfassung. Deine Saison-Statistiken sind sehr gut: 14,8 Punkte, 45 % FG, 40 % 3FG, 3,7 Rebounds, 5,7 Assists, und 0,8 Steals. Die Stats der letzten drei Spiele sind sensationell: 24 Punkte im Schnitt, 65 % FG, über 50 % von der Dreierlinie, dazu kommen 8,6 Assists (Tübingen, Ulm, Berlin). Die nächste Frage gibt es in zwei Versionen. Welche willst du? Die schmeichelhafte oder die provokative?

Ich nehme beide.

Version 1: Wow! Spielst du gerade den besten Basketball deines Lebens?

Version 2: Was war eigentlich davor los? In der ProA hast du letztes Jahr um diese Zeit eine Phase gehabt, wo du 46 von 59 Sprungwürfen verlegt hast. Du hast letzte Saison insgesamt indiskutable 30 % Dreier getroffen. Defense reden wir besser nicht drüber…. Was war da los? Wir waren enttäuscht. Das wirklich große Ruoff-Spiel war letzte Saison nicht dabei. Viele Fans sagen: Es war ein Ru-on oder ein Ru-off-Spiel.

Das ist eine schwierige Frage. Dazu gäbe es viel zu sagen. Die Antwort könnte sehr lang sein.

Beko BBL Hauptrunde 26. Spieltag medi bayreuth vs. BG Goettingen Saison 2014/15

Nimm dir deine Zeit…

Letzte Saison war meine erste Saison mit Coach Johan Roijakkers und seiner Offense. Es gab Zeiten, da lief es gut und es gab Zeiten, da war es schwierig. In unserem zweiten gemeinsamen Jahr vertrauen wir uns gegenseitig mehr und ich glaube, das sieht man auf dem Spielfeld. Der Stil des Teams ist in diesem Jahr ein anderer. Wir haben nun Khalid als Point Guard. Er ist ein fantastischer Gestalter. Das hatten wir letztes Jahr nicht. Khalid und ich füllen diese Führungsrolle nun gemeinsam aus. Das macht es für mich viel leichter. Letztes Jahr in der ProA war ich der Hauptgestalter. Das machte es für mich schwieriger. Die Defensive hat sich mehr auf mich konzentriert. Wenn ich nichts produziert habe, war ich sehr frustriert und habe schlechte Würfe mit niedrigen Quoten genommen. In diesem Jahr haben wir großartige Spieler im Team. Raymar Morgan, Harper ist zurück, der MVP der letzten ProA Saison, Khalid El-Amin. Das nimmt eine Menge Druck von mir. Es gab eine Menge Druck letztes Jahr. Druck gut zu spielen und Druck die Meisterschaft zu gewinnen. Dieses Jahr sind wir der Underdog. Niemand hat erwartet, dass wir so viele Spiele gewinnen. Viele hatten keinen Respekt vor uns.

Es fällt dir leichter der Underdog zu sein, als der Favorit?

Ja! Es ist viel, viel leichter dieses Jahr in die Spiele zu gehen. Wenn du letztes Jahr gewonnen hast, wurde das erwartet. Wenn du verloren hast, waren alle enttäuscht.

Uns fallen da die schwierigen Spiele gegen Jena ein.

Ja. Das ist wahr, aber selbst der Sieg gegen Jena ist mit keinem der Siege in dieser Saison zu vergleichen. Nach München zu fahren und München zu besiegen − daran kommt nichts aus der letzten Saison heran, selbst die Meisterschaft nicht.

Hey! Ihr könnt das am nächsten Wochenende wiederholen! Macht es noch einmal!

Ich hoffe das! Ich möchte das Gefühl gerne nochmal haben. Ich denke die Underdogmentalität gibt dir eine bessere Atmosphäre und eine bessere Gelegenheit, um gut zu spielen.

Es ist mehr deins.

Ja. Ich glaube, das sieht man an meinem Spiel in dieser Saison.

Coach Roijakkers hat in der letzten Woche in einem TV-Interview vor dem Bayreuthspiel gesagt, dass Alex Ruoff heute zehnmal besser spielt als letztes Jahr in der ProA. Stimmst du ihm zu?

(Stöhnt auf.) Ich weiß nicht, ob ich da zustimmen kann. Ich würde sagen, dass mein Spiel viel besser ist als in der letzten Saison. (Überlegt) Ja……ich stimme zu. Er hat Recht.

Ihr habt das Saisonziel nahezu erreicht. Glückwunsch. Viele haben euch das nicht zugetraut. Viele von euch hatten etwas zu beweisen und alle waren hungrig. Wie ist es für dich in diesem Team zu spielen?

Es bedeutet mir viel. Wir haben von der Underdog-Mentalität gesprochen. Alle von uns, individuell und als Team und auch der Coach selbst, mussten sich deutlich verbessern. Wir sind fast alle neu in dieser Liga. Einige wenige Spieler haben schon in der BBL gespielt, aber keiner in einer großen Rolle. Alle haben wir einen Chip auf der Schulter und das macht es so gefährlich gegen uns zu spielen. Ich glaube, kein Team in dieser Liga will in den Playoffs nach Göttingen kommen.

Keine Angst vor großen Männern.

Keine Angst vor großen Männern.

Das Team ist körperlich klein, aber was Erfahrung und Basketball IQ betrifft ganz groß. Es reicht ja nicht, dass du großartige Pässe spielen kannst, du brauchst auch Leute, die diese Pässe fangen und verwerten. Mit deinen Mitspielern kannst du eine Menge anfangen, oder?

Yeah! In diesem Jahr ist vieles anders. Wir haben mit Harper Kamp und Raymar Morgan zwei der besten Pick&Roll-Spieler der ganzen Liga. Sie sind enorm gut. Du kannst sie auf Knöchelniveau genauso anspielen wie auf Ringhöhe. Das hatten wir letztes Jahr nicht, vielleicht ein bischen mit Harper. Meine Mitspieler sind mir extrem wichtig. Das sind auf dem Feld meine Brüder, mit denen ich gemeinsam kämpfe.

Wer ist vielseitiger: Du oder David Godbold?

Ich!

Wir schätzen, David hätte das von sich auch behauptet, wenn wir ihn gefragt hätten.

Ich hoffe, dass er auch so antworten würde. Jeder Spieler sollte diese Frage so beantworten.

Was würdest du als deine Hauptstärken bezeichnen?

Meine größte Stärke ist meine Vielseitigkeit. Ich kann die Positionen 1 bis 4 spielen und verteidigen. Ich kann werfen und gut passen. Mein Ballhandling und meine Defense könnten besser sein. Ich will nicht unbescheiden klingen, aber ich denke, dass ich das Spiel verstanden habe und über einen sehr hohen Basketball-IQ verfüge. Ich würde später sehr gerne coachen. Ich liebe es zu sehen, wie junge Spieler sich entwickeln. Ich mag es, mich auf ein Spiel vorzubereiten. Ich genieße auch die Arbeit außerhalb des Spiels, die Zeiten der Vorbereitung früh morgens oder spät abends.

Dein Spiel ist sehr ambitioniert. Du liebst das Pick&Roll, deine Zirkusschüsse mit viel Kontakt erinnern mich oft an Manu Ginobili. Deine Zuspiele sind kreativ und oft genial. No Look, behind the back, between the legs…. Trainierst du diese Dinge speziell oder ist das einfach deine Spielweise?

Es ist nichts, was ich speziell trainiere. Im Spiel denke ich darüber nach, dass der Ball da hinkommt, wo er hin soll. Ich bin nicht so dumm raus zu gehen, um kunstvolle Pässe zu spielen. Aber es macht natürlich Spaß auf diese Art Basketball zu spielen.

Nein! Niemand hat die Absicht Zirkuswürfe zu nehmen…

Das Zusehen macht uns auch Spaß!

Es macht Spaß zuzuschauen. Ich mag den Aspekt des Passens im Basketball. Es ist toll anzusehen, wie einige der Teams auf Euroleaguelevel den Ball bewegen. Es ist die Poesie des Basketballs. Ich habe das Passen immer geliebt. Ich denke, ich war ein ganz guter Passer am College. Aber wie ich schon sagte, Tribut an Raymar Morgan, Harper Kamp und an meine anderen Mitspieler, die diese Pässe fangen können und finishen. Das lässt auch mich besser aussehen.

Wir haben einige faszinierende Passfähigkeiten in diesem Team.

Ja. Es muss auch gesagt werden, dass dies das Rekrutierungssystem des Coaches ist. Er sucht für alle Positionen gezielt Spieler, die sehr gut passen können.

Gegen Hagen beginnst du das Spiel mit drei Turnovern in den ersten Minuten. Zwei riskante Pässe hintereinander fliegen ins Aus. Wir waren sauer. Übertreibst du es manchmal?

Was meint ihr mit „manchmal übertreiben“ genau? Dass ich zu viel zu passen versuche?

Wir meinen z.B., dass man in bestimmten Phasen eines Spieles, etwa zu Beginn, auch sagen könnte: Wir spielen erstmal sachlich und machen die einfachen Dinge, um Selbstvertrauen aufzubauen und den Ton zu setzen.

Verstanden. Hagen ist ein spezieller Gegner und schwierig zu spielen. Sie spielen eine sehr wilde Defense und nehmen viel Risiko. Am Anfang eines Spiels versuche ich nur aggressiv zu sein. Ich versuche nicht 10 Würfe zu nehmen oder 10 Pässe zu spielen. Ich will nur aggressiv sein. In dem Spiel benötigte ich Zeit, um mich auf den speziellen Verteidigungsstil einzustellen. Ich kam an meinem Mann vorbei, aber da kam sofort die Hilfe und ich habe das nicht schnell genug adaptiert. Später habe ich dann einen guten Job gemacht, denke ich.

Wir können das nachvollziehen. Es hatte also nichts mit übertriebenen Risiken zu tun?

Nein, man muss sich auf die Spielweisen der Gegner einstellen. Du musst dich darauf einstellen, wie das Spiel läuft. Es ist nicht vorherbestimmbar. Das Einzige was du als Spieler beeinflussen kannst, ist wie aggressiv du bist. Manchmal musst du zurückschalten. Wenn du drei Turnover machst, ist es vielleicht Zeit, jemand anderem eine Chance zu geben.

(c) Sabine Klar2015-8857 

Es wurde zuletzt viel über die Göttinger Defense gesprochen, besonders nach dem Rekordspiel gegen Tübingen (115:112), wo niemand verteidigt hat. Eure Zone war über viele Wochen sehr erfolgreich. Zuletzt hat sie sich nicht mehr ausgezahlt und ihr spielt wieder mehr Manndeckung.

Wir waren froh über den Sieg gegen Tübingen, aber er hat gezeigt, dass wir eine Menge defensive Probleme hatten, eine Menge woran wir arbeiten mussten. In dem Pokalspiel gegen Bonn war unsere Zone sehr schwach. Im Ligaspiel davor hatten wir ihnen damit große Probleme bereitet. Beim zweiten Mal haben wir es wieder mit der Zone versucht, aber sie war nicht da. Unser Einsatz war sehr schwach. Wir spielen jetzt wieder gute Mann-Mann-Defense. Wir haben Bayreuth in den 60gern gehalten und auch gegen Berlin haben wir auf einem hohen Level verteidigt.

Was spielst du persönlich lieber?

Ich bin kein großer Fan der Zone. Die Zone ist manchmal gut, um den offensiven Rhythmus zu brechen. Ich spiele lieber Mann gegen Mann.

Uns wurde bereits berichtet, dass du im Bus zu den Stimmungskanonen gehörst. Du bist ein großer Countryfan und hast mit Harper Kamp einen Partner zum gemeinsamen Musizieren gefunden.

Harper ist der Musiker! Ich bin nur der arme Typ, der glaubt singen zu können, zu seiner wundervollen Musik. Egal. Wir haben eine gute Zeit im Bus, besonders nach einem Sieg. Letztes Jahr waren wir besser, da hatten wir noch Jeremy Dunbar mit seiner Gitarre und Dominik Spohr hat auch mehr mitgemacht. Dieses Jahr liegt die alleinige Verantwortung bei mir und Harper. Wir versuchen unser bestes und die anderen erkennen das an!

Die Humba nach dem Tübingenspiel war kein Problem für dich. Dein Kapitän wirkte davor etwas schüchtern. Du bist nicht schüchtern?

Ich habe das vorher geübt und an meinem Deutsch gearbeitet! Ich wollte jeden beeindrucken, aber als die Zeit kam Leistung zu bringen, war ich zu erschöpft! Mir hat das viel Spaß gemacht und ich denke, dass auch jeder mein Englisch verstanden hat. Der Einsatz war wichtiger, als perfekt deutsch zu sprechen, hoffe ich.

Kanntest du die Humba vorher?

Das ist neu. Bevor ich nach Deutschland kam, kannte ich das nicht. Ich liebe es! Ich poste immer die Videos, damit meine Familie auch etwas davon mitbekommt. In West Virginia haben wir immer Country Roads von John Denver gesungen. Allerdings nach jedem Spiel, egal ob Sieg oder Niederlage.

 

Wir können nicht enden, ohne über deinen Bart zu sprechen. Bist du die weiße Antwort auf James Harden?

Das würde ich nicht sagen. Da steckt keine wirkliche Geschichte dahinter. Im November wurde ich einfach zu faul zum rasieren. Ich habe vorher noch nie einen Bart getragen, schon gar nicht so einen. Aber desto mehr Leute sagen „Bitte rasieren!“, desto mehr motiviert mich das, den Bart dran zu lassen. Allen wichtigen Personen gefällt es. Meine Teamkollegen mögen es. Wenn meine Mutter protestieren würde, käme er ab! Aber irgendwann kommt er natürlich sowieso ab. Ich mache das alles aus Spaß! Ich muss ja nicht auf irgendeinen Magazintitel kommen.

Nun zu unserer obligatorischen Schlussfrage: Khalid El-Amin ist ein außergewöhnlicher Spieler. Wie ist es für dich mit ihm in einem Team zu sein?

Er ist ein außergewöhnliches Talent. Ich kannte ihn vorher nicht persönlich, aber ich hatte ihn spielen sehen. Eigentlich habe ich ihn die Hälfte meines Lebens verfolgt. Als ich zur Schule ging, spielte er für U-Conn. Als ich zur Highschool ging, ging er in die NBA. Er ist einfach eine Legende. Als ich hörte, dass er in Göttingen unterschrieben hat, war ich begeistert. Ich wusste, was er für das Team bringen kann. Ich wusste, dass er uns zu einem starken Herausforderer machen würde. Er ist auch außerhalb des Spielfeldes ein großartiger Teamkamerad. Er ist immer professionell und mit vollem Einsatz dabei. Man kann von ihm viel lernen. Er hat so enorm viel Erfahrung und einen so hohen Basketball IQ. Auf dem Court redet er gar nicht so viel. Er ist ein wahrer Profi, von dem wir alle lernen können.

Das war’s. Noch scheint die Sonne. Sieh zu, dass du schnell nach Duderstadt kommst!

Vielen Dank für die guten Fragen!

Wir haben zu danken für die guten Antworten!