Aufstieg von Dauer ?

01.10.2014 Ausblick auf die Saison der Göttinger Veilchen

Der Artikel - jetzt auch hier auf der Veilchen-Power e.V. Internetseite zum Lesen. (Quelle: http://courtreview.de)

Aufstieg von Dauer ? Ausblick auf die Saison der Göttinger Veilchen

Team BG Göttingen

Nun sind sie also da, wo sie nach Meinung vieler ihrer Anhänger hingehören: in der 1. Liga! Die Veilchen-Fans waren sich gleich nach dem Abstieg im April 2012 sicher, dass es wieder nach oben geht, “Wir kommen wieder” war ihre Losung und nach zwei Spielzeiten haben sie es geschafft. Der erste, noch etwas holperige Anlauf endete im Playoff-Viertelfinale gegen Jena. Dem entsprach auf offizieller Ebene eine frisch gegründete Organisation im Hintergrund, die den Weg in höhere Gefilde erst ebnen musste, in Person von Johan Roijakkers aber von Beginn an auf den richtigen Coach gesetzt hatte. Trotz seiner jungen Jahre schon sehr erfahren auf unterschiedlichsten Ebenen (national, D-League, international) führte er dann im zweiten Jahr seine Veilchen zur ungefährdeten Rückkehr in die BBL. Das Problem ist nur: um einen Platz im Oberhaus kämpfen jedes Jahr 18 Teams, drei oder vier weitere aus Pro A/B wollen auch dazu gehören und so wird es für ein Team mit den wirtschaftlichen Voraussetzungen der BG Göttingen zu einer großen Herausforderung auf Dauer zum Kreis der Auserwählten zu gehören.


Auftakt in Berlin

Diese “Dauer” beginnt schon am 2. Oktober mit dem Auswärtsauftritt in der O2-Arena in Berlin, wo Rochestie schon mal ein Riese war … solches erwartet von den Veilchen in diesem Jahr niemand!
Werden sie eine Chance haben nach 34 Spieltagen im April 2015 mindestens Platz 16 zu belegen, das ist die einzige Frage um die es für sie gehen kann. Finanziell werden sie mit einem Etat von knapp 2 Mio. nicht wesentlich besser dastehen als bei ihrem ersten Aufstieg 2007, der Durchschnittsetat der Liga hat sich allerdings seitdem mindestens verdoppelt, bei den Spitzenteams annähernd verdreifacht. Die kürzlich kolportierte Erhöhung des Spieler-Etats in Höhe von 2,5 Mio. würde in Göttingen reichen um alle Ausgaben zu decken, so sieht’s aus …..

Die Organisation hinter dem Team scheint zum dritten Jahr ihres Wirkens gefestigt zu sein, die Auflagen der Liga wurden ohne großes Aufsehen routiniert erfüllt, man wusste von Anfang an worauf man sich einließ (Foto: Geschäftsführerin Anna Jäger). Die Kalkulation wirkt seriös: 2.600 Zuschauer im Schnitt hatte man schon (fast) in der Pro A-Hauptrunde, 800 verkaufte Dauerkarten einen Monat vor dem ersten Heimspiel bestätigen diesen Eindruck. Mittlerweile ist man ist auch gefestigt genug, um Anleihen bei den großen Erfolgen der jüngsten Vergangenheit zu nehmen: für 2014 sind bisher drei Auftritte in der legendären Lokhalle, Stätte des Euro-Challenge-Triumphs von 2010 vorgesehen.
Eine wichtige Investition in die Zukunft war schon im zweiten Jahr in der Pro A getätigt worden, ob wohl sie dort nicht unbedingt Vorschrift ist: als Jugendkoordinator wurde Dirk Altenberg verpflichtet, gut beleumundet im Westen der BB-Republik, der langfristig die Jugendarbeit der Veilchen organisieren und voranbringen soll. Für einen wirtschaftlich eher auf Dornen gebetteten Verein ist es unmöglich mit den erfolgreichenTeams bei der Verpflichtung junger Talente mitzubieten; er muss vielmehr versuchen, selbst solche auszubilden und in die Profi-Strukturen einzubauen. Wenn auch die Göttinger Sponsorenpyramide eine große und verlässliche Basis von kleinen und mittleren Sponsoren aufweist, so wird es zur Spitze hin dünn … so dünn, dass dies auf Dauer nur durch (zu Beginn) preiswerte junge Talente, clevere Verpflichtungen und intelligentes Coaching ausgeglichen werden kann.
An wirtschaftlichen Mitteln und Sponsorengeldern mag es den Veilchen fehlen, beim Fansupport haben sie keinen Grund zu klagen. Die lila Fans sind viele, sie sind laut, kreativ und reisefreudig, kein Weg ist ihnen zu weit, solange sie das Gefühl haben, dass ihre Farben gut vertreten werden. Schon zum Saisonauftakt am 2. Oktober in Berlin werden sie sich in dreistelliger Zahl auf den Weg machen.
So weit, so gut, aber die Wahrheit liegt natürlich auf’m Parkett, da werden die nötigen Punkte geholt, die am Ende (vielleicht) den Klassenerhalt sichern. Der Coach bevorzugt ein Spielsystem, das vielleicht am besten mit “Geschwindigkeits-Setplay mit (Größen-) Nachteilen” charakterisiert werden kann, mit deutlicher Betonung auf einer Defense, die teamorientiert ist und nicht in erster Linie auf forcierten Ballgewinn und Fastbreak-Punkte aus ist. Offensiv wird der Ball viel und (möglichst) schnell bewegt um den jeweils besten Schützen zu finden, bei einer Mischung aus Halbfeldspiel mit Korbabschluss und Distanzwürfen. Dabei verlässt er sich auf eine Menge Erfahrung, mit einem Durchschnittsalter von 28 Jahren (ohne die Ergänzungsspieler!) zählen die Veilchen zu den älteren Teams der Liga.

Soweit der Plan, welche Spieler hat Coach Roijakkers zur Verfügung um diesen Plan umzusetzen?

In der Vorbereitung hatte er meist zu wenig: “Überraschungs-Coup” Khalid El-Amin stieß erst spät zum Team, Power Forward Raymar Morgan und Guard Dominik Bahiense de Mello verletzten sich gleich zu Beginn und Guard Alex Ruoff, in der vergangenen Saison eine der Stützen des Pro A-Teams, kam schon verletzt aus dem Heimaturlaub … es gibt eine leichtere Vorbereitung als 1,5 Starter nicht ins Team einbauen zu können! Zumal auch die wirtschaftlichen Mittel fehlen für zeitweiligen qualifizierten Ersatz zu sorgen, SG Jason Clark, wegen der Verletzungsmisere kurzfristig für zwei Monate verpflichtet, ist zumindest als solcher bisher nicht in Erscheinung getreten. Forward Christian Standhardinger dagegen, für einige Tage als Trainingsspieler in Göttingen eingesetzt, konnte nicht gehalten werden, da ihm sogar der MBC einen Vertrag bieten konnte, einen Verein, den man finanziell ungefähr in der Veilchen-Liga einordnen kann!

Nach den bisherigen Vorbereitungsspielen (von denen allerdings die entscheidenden letzten 5 im Ausland stattfanden!) zeichnet sich folgende Starting 5 ab:
1 PG: Khalid El-Amin
2 SG: Alex Ruoff
3 SF: David Godbold
4 PF: Jamal Boykin
5 C: Harper Kamp

Die Spieler

Khalid El-Amin ist sicher die überraschendste Verpflichtung der Veilchen seit langer Zeit. Möglich war sie in erster Linie dadurch, dass der NBA-Veteran eine ganze Spielzeit verletzt aussetzen musste und sicher nicht von Angeboten überhäuft wurde. Wenn auch seine Vergangenheit bei den Bulls in eine Zeit fiel, die ähnlich erfolgreich war wie für Göttingen die Saison 2011/12, ist er doch immer noch ein Spieler, der auf BBL-Niveau den Unterschied ausmachen kann – vorausgesetzt er hat seine Verletzung völlig überstanden und kann seine Fitness wieder auf das nötige Level bringen. Ein Leader, der im Training den Ball auch mal an die Wand pfeffert um den jüngeren Spielern (im Vergleich zu ihm also allen!) zu zeigen, wo sie hätten stehen sollen, kann dem Team nur gut tun. Und wenn er denn im Ligabetrieb bei engen Spielen am Ende noch die Kraft und Übersicht hat Verantwortung zu übernehmen, dann könnte sich diese Verpflichtung als (Über)Lebensversicherung der Veilchen erweisen. Nicht auszumalen wagt man sich, falls er dieser Rolle nicht gerecht werden sollte: einen anderen “echten” Pointguard hat Göttingen nicht vorzuweisen!

Alex Ruoff hat in der vergangenen Pro A-Saison Verantwortung übernommen, trat aber auch mitunter als Bruder Leichtfuss auf, der insbesondere beim Halbdistanzwurf oft nicht fokussiert wirkte und auch das Spiel für die Galerie mitunter übertrieb. Gerade ihm könnte es nützen, dass er sich einem echten Leader unterordnen muss um das volle Paket, über das er zweifellos verfügt, auch aufs Parkett zu bringen. Dass er in der BBL in jedem Spiel hart arbeiten muss, wird ihm der Coach ohnehin mit auf den Weg geben. Die Frage wird sein, wann er überhaupt ins Geschehen eingreifen kann, bis zum Redaktionsschluß war nicht absehbar, dass er am 2. Oktober in Berlin antreten kann.

David Godbold, sein Coach liebt ihn, wie er letzte Saison nach einem der Spiele bekannte, welches der US-Point-Foward ihm durch seine Abgeklärtheit und sein taktisches Verständnis gerettet hatte. Davon gab es einige. Ob Godbold in der BBL daran anknüpfen kann ist die Frage. Die Ligen, in denen er sich bisher beweisen konnte (Finnland, Polen, Slowakei) sind dann doch etwas schwächer einzuschätzen. Für die Teamchemie wird er unabhängig davon als Co-Trainer und verlängerter Arm Roijakkers auf dem Parkett eine wichtige Rolle spielen.

Jamal Boykin hatte letzte Saison Schwierigkeiten sich in der BBL zu etablieren, in der bisherigen Vorbereitung machte er dagegen einen sehr guten Eindruck, beim Vorbereitungsturnier in der Slowakei überzeugte er in zwei Spielen mit Doubles bei Punkten und Rebounds. Besonders diese Rebounds wird das sehr klein aufgestellte Veilchen-Team brauchen. Allerdings auch verstärkte Anstrengungen in der Defense, die nicht in jedem Spiel von ihm zu sehen war.

Harper Kamp trägt als MVP der Pro A-Saison viele Hoffnungen der Göttinger auf seinen Schultern, die allerdings bei 2,03 m Länge nicht besonders hoch hängen. Dafür ist Kamp ein äußerst intelligenter und variantenreicher Spieler unter dem Korb, wobei es die Frage sein wird, wie er sich gegen die doch deutlich athletischeren Gegenspieler in der BBL durchsetzen kann. Zur Not kann es aber auch aus der Halbdistanz, ein Novum für Göttinger Verhältnisse, wo auf dieser Position lange Jahre nach dem Prinzib B wie Büffel gearbeitet wurde …..

Robert Kulawick, hatte seinen Durchbruch als BBL-Profi in Göttingen, wo er ideal ins Spielsystem von John Patrick passte: harte Defense, schnell auf den Füssen und den Ball schnell zum Dreier abgedrückt, an diesem Erfolgsrezept konnte er später in Braunschweig nie anknüpfen, was ihn nun wieder zurück zu den Ursprüngen geführt hat. Dieses Team spielt zwar noch in lila wie früher, ist aber natürlich ansonsten nicht zu vergleichen! Dennoch kann Kulle mit seiner Erfahrung seine Rolle finden, die sich in erster Linie über seine Defense definieren wird. Steht er da seinen Mann (oder fällt er im richtigen Moment!), wird er seine Spielzeit bekommen, um so mehr, wenn auch sein Distanzwurf wieder konstanter fällt. Er sollte von einem Pointguard mit überragendem Auge eines El-Amin profitieren können, treffen muss er allerdings selbst. Als halber Göttinger kann er darüber hinaus eine Mischung aus “glue & homeboy” spielen und mit seinem manchmal spektakulären Spiel sicher auch die Zuschauer ins Spiel bringen. Ich wünsche ihm sein coming-out bei den Heimspielen in der Lokhalle, er weiß, wie man dort gewinnt!

Dominik Bahiense de Mello ist neben Kulawick der zweite renommierte BBL-Spieler, der nach einem Karriereknick in den letzten Jahren einen neuen Anlauf beim Aufsteiger nimmt. Auch bei ihm gilt für den so wichtigen Distanzwurf: reinmachen muss er sie selbst, Quoten wie zuletzt in Oldenburg erwartet niemand von ihm. Auf seine Routine, seine Defensefähigkeiten und seinen unbedingten Willen jedoch darf man in jedem Fall zählen. Erstmal ist ihm zu wünschen, dass er seine Verletzung am Sprunggelenk schnell und nachhaltig auskurieren kann. Der Saisonauftakt der Veilchen ist anspruchsvoll, er wird dringend gebraucht.

Dominik Spohr war zweifellos der Aufsteiger der letzten Saison in lila. Nach Anlaufschwierigkeiten lernte er schnell, was der Coach von ihm sehen wollte und begriff vor allem auch, dass er durchaus die Fähigkeit hat mit schnellem ersten Schritt zum Korb zu ziehen und die gegnerische Verteidigung vor Probleme zu stellen. Wohl auch das trug schließlich dazu bei, dass er als Distanzschütze schwerer auszurechnen war und mit überragender Quote aus dem Dreipunkteland glänzen konnte. Spohr sollte helfen, dass er nach zwei verpatzten BBL-Anläufen in Hagen und Gießen weiß worauf es ankommt und als Spieler gereift ist. Ein Liebling des Göttinger Publikums und Energizer par excellence ist er sowieso!

Raymar Morgan ist nach der Verletzung der Vorsaison ebenfalls zu wünschen, dass er möglichst schnell in Tritt kommt und sich in das Team hineinspielt. Auf der Position 4 und 5 wird jeder dringend gebraucht, was er zu leisten imstande ist, kann auf Grund der für ihn verkorksten Vorbereitung schlecht eingeschätzt werden.

Jason Clark wurde für zwei Monate aufgrund der Verletztenmisere als Guard verpflichtet. Aufgrund der bisher gezeigten Leistungen ist schwer vorstellbar, dass diesem Engagement noch weitere Monate folgen werden.

Flügelspieler Acha Njei kam auf den letzten Drücker und wird den Aufsteiger bis zum Saisonende verstärken. Der 29-Jährige spielte bereits für Oldenburg und zuletzt drei Jahre für Quakenbrück in der Beko BBL.

Die deutschen Ergänzungsspieler werden dem Team kaum Entlastung geben. Nach den Eindrücken von Vorsaison und Vorbereitung könnte sich Andy Onwuegbuzie die meisten Minuten erspielen. Er verfügt über ein gutes Spielverständnis, Dynamik und einen recht sicheren Distanzwurf.

Mein Blick in Glaskugel sagt mir:

Göttingen bleibt drin in der BBL, aber nur wenn:

  • die bisher verletzten Spieler (Ruoff, Morgan und de Mello) schnell und nachhaltig fit werden und weitere Verletzungen auf den Schlüsselpositionen ausbleiben. El Amin darf sich nicht verletzen!
  • Ruoff hochkonzentriert in jedes Spiel geht und sein vorhandenes Potential ausspielt.
  • Kulawick und de Mello schnell an ihre Qualitäten aus früheren Jahren anknüpfen und in dem ein oder anderen Spiel zum X-Faktor werden
  • die Fans das Team von Beginn an tragen ohne zu erwarten, dass man noch mal so durchstarten kann wie beim ersten BBL – Auftritt … the times they are changing …..