Göttingen voll im Soll

11.12.2014 Bericht über die BG-Göttingen

Der Artikel - jetzt auch hier auf der Veilchen-Power e.V. Internetseite zum Lesen. (Quelle: http://courtreview.de)

5 große Siege und 6 kleine Niederlagen – Aufsteiger Göttingen voll im Soll

BG Göttingen Jubel

In vielen Saisonprognosen wurde die BG Göttingen als einer der heißesten Abstiegskandidaten gehandelt. Nach dem ersten Saisondrittel ergibt sich ein etwas anderes Bild: Mit fünf Siegen aus den ersten elf Spielen konnten die Veilchen bereits vier Punkte Abstand auf die Abstiegsränge herausspielen. Auffällig ist dabei ihre Auswärtsstärke, vier der Erfolge wurden auf fremdem Parkett errungen, wobei sicher der völlig unerwartete in München herausragt. Diese guten Ergebnisse sind umso höher zu bewerten, als die Veilchen verletzungsgeplagt durch Saisonvorbereitung und -auftakt gingen und mit Morgan, Ruoff und El-Amin teilweise auf drei ihrer Starter verzichten mussten.


Gutes Händchen

Trotzdem wird der Ball flach gehalten, Coach Roijakkers versichert nach jedem Sieg, dass man gerade zwei weitere Punkte gegen den Abstieg errungen habe. Ohnehin ist der jüngste Coach der BBL einer der Garanten für den Erfolg. Schon bei der Zusammenstellung des letztjährigen ProA-Meisterteams bewies er ein gutes Händchen: Mit Ruoff, Kamp, Godbold und Spohr verpflichtete er vier Spieler, die auch zur festen Rotation des BBL-Teams zählen, überwiegend als Starter!
Coach Johan RoijakkersMit Morgan und El-Amin gelang es ihm, zwei Spieler nach Göttingen zu lotsen, die aufgrund ihrer langwierigen Verletzungen als „Risiko“ galten, aber auch nur aus diesem Grund in das schmale Budget der Göttinger passten. Bisher haben beide das in sie gesetzte Vertrauen zurückgezahlt und sind wichtige Faktoren auf dem Weg zum Klassenerhalt.
Der dritte gelungene Schachzug von Roijakkers bestand im Rückgriff auf drei deutsche BBL-Veteranen, die nicht mehr in ihre Rollen bei ihren alten Teams passten und deshalb eine neue Herausforderung bei den Veilchen suchten. Ein großer Vorteil von de Mello, Kulawick und Njei besteht unter anderem darin, dass sie die Liga gut kennen und gut verstanden haben, was Coach und Team von ihnen erwarten. Das hätte man beim ursprünglich nur als Trainingsspieler vorgesehenen Acha Njei sicher am wenigsten prognostiziert. Schon einer dieser gelungenen drei Schachzüge hätte einem „BBL-Anfänger“ wie Roijakkers zur Ehre gereicht. Dass aus dieser Aufgabe mit gleich drei Unbekannten ein sehr gefestigtes Team mit guter Chemie wurde, hat nicht wenige überrascht.

Ein Schelm …

Eine besondere Qualität des Niederländers liegt sicher darin, dass er Spieler, die sich voll in sein Projekt einbringen und hart arbeiten, schnell weiterentwickeln kann. Akeem Vargas im vorletzten und Dominik Spohr im vergangenen Jahr sind gute Beispiele dafür. Roijakkers kann auch mal Spieler vor dem Publikum und auch der Presse zusammenfalten, aber sowie sie die ihnen zugedachte Rolle ausfüllen, genießen sie seine volle Unterstützung. Dabei macht es ihm auch nichts aus, im Zweifel mit einer 7-Mann-Rotation zu spielen, wie gegen Bonn und in Braunschweig gesehen. Fast schon satirische Qualität haben einige seiner Sprüche, wie der über Harper Kamp, den er in Braunschweig nach 5 Minuten auf die Bank verbannte, weil er mit seinem Spiel nicht einverstanden war. O-Ton Roijakkers:

„Harper glaubt, dass er so viel vom Spiel versteht, da brauchte ich ihn dringender auf der Bank …“

Das Team rückte nach dieser Maßnahme noch enger zusammen, jeder Einzelne kämpfte bravourös, am Ende wurde das Spiel mit 2 Punkten Vorsprung gewonnen. Auch nach verkorksten Spielen hat er kein Problem damit, sich vor seine Truppe zu stellen und ihre Leistung durch gnadenlose Überhöhung des Gegners zu relativieren. So erklärte er bei der PK nach dem Spiel gegen den MBC kurzerhand Pantelic zum besten 5er, Malte Schwarz zum besten Dreipunktschützen und Massenat zum besten Rookie der BBL, nur um von der ziemlich desolaten Leistung der Veilchen abzulenken.
Vergessen wir auch nicht, dass der Coach all das nur mit der Unterstützung von „I love“ David Godbold als spielendem Assistant Coach leistet, was andernorts von drei oder vier Mann bewältigt wird. Es ist immer ein erheiterndes Bild zu sehen, wenn vor Spielbeginn oder nach Spielende ein drei- bis vierköpfiger Trupp von Gäste-Coachingstaff sich zum Händeschütteln in Richtung BG-Bank aufmacht, wo zumeist ein Teambetreuer dem „armen Alleinunterhalter“ JR zur Hilfe eilt. Bisher jedenfalls hat er sich seit dem dem Tiefpunkt vom Mai 2012 als wahrer Glücksfall für den Göttinger Basketball erwiesen.

Der Spieler-Check

Khalid El-Amin, PG (28 Min; 12,9 Pts; 42 % FG; 6,3 Ass; 2,7 TO; Eff 13,0)
Lebensversicherung: Khalid El-AminWenn El-Amin fit ist, spielt er immer über 30 Minuten. Ohne ihn läuft in der Offensive wenig, und wenig reicht maximal gegen Braunschweig … Bei der heftigen Schlappe gegen den MBC wurde er schmerzlich vermisst. Es lag nicht nur an der guten Defense der Weißenfelser, dass es der BG nicht gelang, in gute Wurfpositionen zu kommen. Davon zeugen Wurfquoten von 35 % aus dem Feld und grausame 9,5 % von der Dreierlinie. Umso größer war der Tübinger Schrecken, als El-Amin plötzlich genesen auflief und sein Team mit 21 Punkten, darunter 3/5 Dreiern, zum wichtigen Auswärtssieg führte. Selbst in der Defensive schlägt sich der 35-Jährige überraschend gut. Fehlende Schnelligkeit macht er durch Erfahrung und Cleverness wett. Es fehlen die Worte, um seine Präsenz auf dem Feld angemessen zu beschreiben. In der aktuellen Ausgabe der „Five“ sagt El-Amin, dass er nicht glaube, „dass es auf dem Basketballfeld noch Dinge gibt, die mich überraschen können.“ Wir wünschten uns, seine Mitspieler könnten das auch von sich behaupten. Immerhin scheinen sie sich langsam an seine genialen Pässe zu gewöhnen. Das Einzige, was dem Ex-Bullen fehlt, ist Unterstützung auf den Guard-Positionen!
Fazit: Mit einem gesunden El-Amin kann Göttingen nicht absteigen. Sensationelle Verpflichtung für ganz Basketballdeutschland.

Alex Ruoff, SG (6 Spiele; 30 Min; 13,5 Pts; 37 % FG; 15/37 Dreier = 40 %; 14/16 FW = 88 %; 3,8 Reb; 4 Ass; 3,2 TO; Eff 11,3)
Fehlbesetzung: Alex RuoffRuoff verpasste wie Morgan und Bahiense De Mello die komplette Vorbereitung und konnte erst am fünften Spieltag in das Geschehen eingreifen. Zwei Spiele später knickte er im Training um und musste in Braunschweig erneut aussetzen. In seinen bisherigen Auftritten legt er gute Statistiken auf – bis auf die fiese Feldwurfquote. Die drei Ballverluste pro Spiel sind auch unschön für einen Spieler, der nicht besonders häufig den Ballvortrag übernimmt. Das Schlimmste steht jedoch im Statistikbogen seines jeweiligen Gegenspielers, dessen Statistiken sind nämlich meistens gut… Dabei werden die Topleute meistens schon in weiser Voraussicht von Godbold, Njei oder De Mello übernommen.
Zu Ruoffs großen Stärken gehört, neben dem Pick&Roll-Verständnis, seine Vielseitigkeit. Durch seine starke Physis kann er wie Godbold in Göttingen auf fast allen Positionen eingesetzt werden. Dies ermöglichte Roijakkers, gegen Bremerhaven einen Coup zu landen. Er ließ Ruoff in der Offensive Power Forward spielen. In der Defensive tauschte der dann wieder mit Godbold und nahm die Small-Forward-Position ein. Im Ergebnis wurde Bremerhaven mit heruntergelassenen Shorts erwischt. Ruoff stand vollkommen frei an der Dreierlinie und konnte im ersten Viertel fünf Würfe versenken. Uli Frank hätte die anderen drei mit Sicherheit auch noch gemacht, aber er musste Interviews geben. Von dem frühen Rückstand sollte sich der Gegner nicht mehr erholen. Ruoff erzielte mit 35 Punkten, davon 7/11 Dreiern, ein Career High. Ruoff kann gut im Eins-gegen-Eins zum Korb ziehen und er ist ein sehr guter Freiwerfer. Leider zeigte er diese Qualitäten bisher auch nur in diesem einzigen guten Spiel, in dem er 10/12 verwandelte. In den anderen fünf Spielen schaffte er es insgesamt nur viermal, an die Linie zu kommen.
Fazit: Bisher Fehlbesetzung. In den letzten beiden Spielen traf Ruoff zusammen genommen mal wieder nur 5 seiner 26 Feldwürfe (2/13 Dreier). Diese miserablen Trefferquoten kennen wir bereits aus der ProA. Immerhin hat er der Mannschaft ein Spiel gewonnen. Wenn er es seinen Kritikern endlich zeigen würde, wäre allen sehr geholfen. Glaubenssache.

David Godbold, SF (29 Min; 8,1 Pts; 40 % FG; 11/40 Dreier = 27,5 %; 28/34 FT = 82 %; 3,8 Reb; 2,4 Ass; 1,9 Stl; 1,7 TO; Eff 11,0)
GOD-bold: David GodboldWo anfangen? Einigen Mitspielern sei gesagt: Eure Spielzeit ist nicht weg! Sie ist nur woanders. Sie ist bei Godbold. Nach einigen schüchternen Spielen zu Beginn ist die Spielzeit des Stirnbandträgers von 20 Minuten auf konstant über 30 explodiert. Warum? Weil Godbold die Antwort auf (fast) alle Fragen ist. Co-Trainer? Kapitän? Führungsqualität? Verantwortung übernehmen? Verteidigung des besten gegnerischen Spielers (alles außer Center)? Defensive Inspiration? Spielaufbau? Gute Entscheidungen treffen? Spiele in der Crunchtime entscheiden? Wichtige Würfe treffen? An der Freiwurflinie die Nerven behalten? Spielentscheidende Ballgewinne?
In Braunschweig wollte sein Coach sogar alles auf einmal! Drei Starter verpassten das Spiel. Da pfiff selbst Godbold aus dem letzten Loch. Doch das hielt ihn nicht davon ab, in bester Zehnkämpfermanier im Schlussviertel ein Zeichen zu setzen und den fast 15 cm größeren Kyle Visser zu blocken. Mit zwei Treffern aus dem Feld, zwei Freiwürfen und einem Ballgewinn innerhalb der letzten 90 Sekunden stellte der Allesmacher den Sieg sicher.
Fazit: Godbold hat alle Zweifler überzeugt und auch in der BBL ein breites Betätigungsfeld gefunden. Wenn er auch noch seine Dreier besser treffen sollte, gibt es überhaupt kein Halten mehr. Stefan Koch hat sich bei der Übertragung des Sieges gegen Bremerhaven als Godbold-Lover geoutet. Willkommen im Club! Das fiel bei 12 Punkten, 8 Rebounds und 7 Assists auch nicht schwer. Muss schlimm sein, Spieler im Kader zu haben, die zehnmal soviel Geld verdienen und nur einen Bruchteil dieser Leistung bringen. Aber was interessieren uns die Probleme in Nord-Salzgitter?

Harper Kamp, PF (23 Min; 11,4 Pts; 50 % FG; 4/10 Dreiern = 40 %; 3,8 Reb; 2,1 Ass; 11,2 Eff)
Experte: Harper KampDer MVP der Pro A startete in der BBL anfangs voll durch. Bis auf das Spiel gegen Berlin stand Kamp vom 2. bis zum 6. Spieltag immer mehr als 30 Minuten auf dem Feld und erzielte in dieser Zeit durchschnittlich 17,2 Punkte und holte 5,2 Rebounds. Seit dem siebten Spieltag spielt Kamp 10 Minuten weniger und wirkt manchmal verunsichert. In Braunschweig holte ihn sein Coach nach gut fünf Minuten vom Parkett und benötigte sein Spielverständnis für den Rest der Partie auf der Bank…Roijakkers ergänzte seine sarkastische Bemerkung später und begründete seine Maßnahme damit, dass Kamp den Gameplan nicht umgesetzt habe. Der Gescholtene zeigte in dieser Situation aber Professionalität und Sportsgeist: Er feuerte seine Kollegen an und trieb sie zum Sieg. Im nächsten Spiel war er wieder von Beginn an dabei.
Kamp nimmt in der BBL den Distanzwurf, wenn ihm die Verteidigung diesen gibt. Vorrangig sucht er seine Abschlüsse aber näher am Korb. In der Verteidigung gelingt es ihm meistens mit Geschick seine fehlende Länge gegen die gegnerischen Center wettzumachen. Außerdem arbeitet der Forward weiter an seinen Spielmacherqualitäten, bereits zweimal gelangen ihm in einem Spiel fünf Assists.
Fazit: Der leichte Knick in der Formkurve könnte ein normaler Entwicklungsschritt sein. Die Liga hat sich ein Stück weit auf ihn eingestellt und gewährt ihm weniger Raum. Von seinem erstarkten Froncourt-Partner Raymar Morgan sollte Kamp jedoch profitieren.

Raymar Morgan, PF (18 Min; 13,3 Pts; 54 % FG; 31/45 FT = 68 %; 5,4 Reb, davon 2,8 ORB; 13,0 Eff)
Topscorer: Raymar MorganMorgan verpasste die Vorbereitung durch seine frühe Verletzung nahezu komplett. Das sah man ihm auch an. Er kam meistens von der Bank und fiel durch scheinbar leichtfertig verlegte Korbleger auf. Dass er aber überhaupt zu diesen Abschlüssen kam und zwischendurch den ein oder anderen schweren Wurf traf, machte frühzeitig klar, dass wir einen Kracher im Kader haben. Das Versprechen wurde mittlerweile eingelöst. Morgan verfügt über eine beeindruckende Physis und weiß seine Athletik einzusetzen. Gegen den MBC zeigte der US-Amerikaner Mitte November eine Galaleistung, auch wenn sie nicht zum Sieg reichte: Er traf 12 seiner 15 Würfe, erzielte mit 32 Punkten und 10 Rebounds ein Double-Double und kam auf einen Effektivitätswert von 39. Bei den Siegen in Braunschweig und Tübingen glänzte Morgan als Starter mit 20 Punkten und 5 Rebounds bzw. 13 Punkten und 18 Rebounds. Seit einigen Wochen startet er neben Kamp im Froncourt, das war so geplant und wird wohl auch so bleiben.
Fazit: Morgan kann von überall punkten und tut es auch. Er verfügt über einen effektiven Sprungwurf, kann seinen Gegner im Eins-gegen-Eins überwinden, zum Korb schneiden, nachsetzen und wühlen, verteidigen und rebounden. Dazu kommen Spielintelligenz und Teamplay. Was will man mehr? Morgan wird am Ende der Saison Göttingens Topscorer sein. Nächstes Jahr wird er woanders mehr Geld verdienen.

Jamal Boykin, PF (18 Min; 8,3 Pts; 54 % FG; 7/16 Dreier = 44 %; 4,2 Reb; Eff 9,5)
Bewahrt Ruhe: Jamal Boykin„Ich bin von Jamal überzeugt, als Mensch und als Spieler. Ich glaube, er ist einer, wie ihn sich Göttingen im Team wünscht. Sie mögen hier gute Leute, freundliche Leute, die hart arbeiten, Basketball lieben und stets gewinnen wollen. Jamal ist definitiv so ein Spieler.“ Wer möchte dem College-Kumpel Harper Kamp da widersprechen? Vor allem, da Boykin seine Defense erheblich verbessert hat. Der 27-Jährige gibt den perfekten Backup für den Frontcourt. Er spielt konstant um die 20 Minuten und liefert in jedem Spiel. Er wählt seine Sprungwürfe gut aus und trifft diese hochprozentig aus allen Entfernungen. Im internen California-Threepoint-Shootout führt er aktuell mit 7:4. Kamp motzig: „Eigentlich ist er kein typischer Shooter …“ Boykin findet häufig den freien Raum unter dem gegnerischen Korb und seine Mitspieler finden ihn. Diese Anspiele verwertet er mit beeindruckender Ruhe, Hektik scheint für ihn ein Fremdwort zu sein.
Fazit: Es geht nichts über gute Informanten. Boykin beeindruckt durch Konstanz auf gutem Niveau.

Acha Njei, SF (20 Min; 3,3 Pts; 2/14 Dreier = 14,3 %; 2,7 Reb)
Ex-Trainingsspieler: Acha NjeiNjeis Stats sind unerheblich. Er bekommt konstant Spielzeit, weil er hart arbeitet, gut verteidigt und wenig Fehler macht. Alles andere ist Bonus. Diesen Bonus gab es beim Sensationssieg in München, wo Njei keinem geringeren als Gavel einen Dreier ins Gesicht warf und auch seine anderen beiden Versuche aus dem Feld traf. Njei verteidigt die Positionen Drei und meist auch noch die Zwei sehr effektiv, kommt bei wendigen Aufbauspielern aber an Grenzen.
Fazit: Acha Njei hat seine Chance perfekt genutzt und ist die positive Überraschung in der Mannschaft. Zuerst als Trainingsspieler gekommen und erst auf den letzten Drücker mit einem Vertrag ausgestattet, hätte wohl niemand gedacht, dass er seine Spielzeit im Vergleich zum Artland auf 20 Minuten verdoppeln würde. Damit ist er der Deutsche mit der höchsten Einsatzzeit.

Dominik Spohr, SF (17 Min; 5,7 Pts; 47 % FG; 12/32 Dreier = 37,5 %; 2,2 Reb; 5,4 Eff)
Solide: Dominik SpohrDominik Spohrs Einsatzzeiten schwanken und sind zuletzt gesunken. Während er gegen Bonn über 30 Minuten auf dem Feld stand, waren es zuletzt in Tübingen nur noch knapp acht. Die im Vergleich zur ProA, die immer zwei Deutsche auf dem Feld vorschreibt, weniger strenge Deutschenquote in der BBL ermöglicht Roijakkers eine flexiblere Aufstellung. Nach der Rückkehr der genesenen Spieler wird die Rotation größer und wenn sich im Laufe des Spiels fünf Amerikaner als die beste Mischung herauskristallisieren, spielen eben die. Ein Guard zu sein würde helfen, denn bei den Flügelspielern herrscht ein Überangebot. Pech für Spohr. So muss er mit seinen bekannten Tugenden auf sich aufmerksam machen: sicherer Distanzwurf und leidenschaftlicher Einsatzwille. Dies gelingt Spohr im Großen und Ganzen. Über sein individuelles Sahnespiel beim Auftakt in Berlin mit 3/4 Dreiern und insgesamt 14 Punkten dürfte er sich nicht gefreut haben, denn das Spiel ging hoch verloren. In neun von elf Spielen netzte Spohr einen Dreier ein, aber nur in zwei Spielen konnte er nachlegen. Wenn Spohr frei ist, nimmt und trifft er den Dreier. Im Gegensatz zur ProA gibt es aber viel weniger offene Würfe. Spohrs zweite Waffe, der dynamische Zug zum Korb, findet in der ersten Liga naturgemäß auch schwerer Anwendung.
Fazit: Dominik Spohr spielt bisher eine solide Saison. Starke Akzente setzen und dem Spiel eine neue Richtung geben wie in der Pro A kann er aber noch nicht. Dies war aber auch nicht zu erwarten.

Robert Kulawick, SF/SG (11 Min; 3,1 Pts; 46,2 % FG; 7/18 Dreier = 39 %)
Hält Wort: Robert KulawickKulawick begann die Saison enttäuschend. Die schlechte Zeit in Braunschweig hing ihm offensichtlich noch länger nach als gedacht. Das Selbstvertrauen stand auf null. Ausgerechnet beim Auswärtssieg in Braunschweig schaffte Kulawick mit 3/3 Dreiern die Wende. Anders als von den schlechten Verlierern postuliert, waren Weihnachten und Ostern nicht vorverlegt. Benötigte Kulawick in den ersten Spielen noch frustrierende 11 Würfe für einen Treffer aus der Distanz, so traf er in den letzten vier Partien 6 von 7 Versuchen. Selbstvertrauen ist alles! Die 5/8 aus dem Zweipunktland sind anders als früher nicht etwa übertretene Dreierversuche, sondern Korbleger! Ein Mann hält sein Wort. Die Defense kann sich mittlerweile auch wieder sehen lassen, ist aber noch ein gutes Stück von der früheren Extraklasse entfernt.
Fazit: Kulawick ist auf dem besten Weg, wieder der Alte zu werden. Da sein Coach harte Arbeit schätzt, wird seine Spielzeit steigen. Fällt sein Dreier so gut wie zuletzt, kann er Spiele verändern.

Dominik Bahiense de Mello, SG (5 Spiele; 16 Min; 3,0 Pts; 31,6 % FG; 1/9 Dreier; 2 Reb; 1 Ass; 1,6 TO; Eff 2,6)
Nachzügler: Dominik Bahiense de MelloDe Mello verpasste die komplette Vorbereitung und die ersten sechs Spiele wegen einer Verletzung. Bisher wirkt der BBL-Routinier sehr bemüht, aber noch orientierungslos und ohne jedes Selbstvertrauen. Er agiert entsprechend glücklos, verliert zu häufig den Ball und trifft nichts. Typische Aktion: Statt konsequent bis zum Ring durchzuziehen, nimmt er lieber 1-2 Meter vorher einen Floater und vermeidet somit den Körperkontakt. Der Ball geht natürlich nicht rein und einen Foulpfiff gibt es auch nicht…In der Defensive konnte De Mello schon eher überzeugen. Hier sollte er weiter ansetzen, sich Selbstvertrauen holen und geduldig warten, bis durch die Spielpraxis der Rest von alleine kommt.
Fazit: Der Kader ist Forward-lastig. Es stehen nur drei Guards im Team. Von denen kann einer nicht verteidigen und ein anderer muss seine Kräfte einteilen. Ein starker Bahiense de Mello wird dringend benötigt. Sein Hauptjob muss es sein, den jeweils spielstärksten Guard zu verteidigen, besonders wenn dieser für Godbold oder Njei zu schnell ist. Offense wäre ein Bonus. Alle lieben Boni.

Back to the Lok …

Noch ist es für die Veilchen sicher zu früh, um sich am rettenden Ufer zu wähnen, neben der auf Kante genähten Rotation kann auch die Gefahr von Verletzungen nicht ausgeschlossen werden. Gemessen an der Qualität der einzelnen Spieler können der Mannschaft auch kaum „sichere“ Siege prognostiziert werden, aber ein funktionierendes Teamgefüge gepaart mit Geniestreichen einzelner Spieler und dem eigenwilligen, aber effektiven Coaching von Johan Roijakkers eröffnet auf der Überraschungsskala noch reichlich Platz nach oben. Um das Glück der Veilchen voll zu machen, käme ein Sieg bei einem der bevorstehenden Lokhallen-Spiele gerade recht!

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