Jeder Nachteil hat nur Nachteile

25.11.2015

Der Artikel - jetzt auch hier auf der Veilchen-Power e.V. Internetseite zum Lesen. (Quelle: http://basketball.de/bbl/jeder-nachteil-hat-nur-nachteile)

25.11.2015 || 10:26 Uhr von:
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Die BG Göttingen steht nach dem ersten Saisonviertel auf einem Abstiegsplatz. Die bisher gezeigten Leistungen der Veilchen sind schlicht nicht ligatauglich.

Schlimme Zahlen

Einem kümmerlichen Sieg stehen acht Niederlagen gegenüber. Der Sieg beim Kellernachbarn in Weißenfels ist lange her (3. Spieltag). Alle vier Heimspiele haben die Veilchen verloren. Die Gesamtpuntedifferenz beträgt -183. Negativrekord. Es gib mit Crailsheim überhaupt nur noch ein Team, welches mit -160 auch einen dreistelligen Wert aufweist. Alle Niederlagen waren zweistellig. Für Tübingen (-42), München (-41), Bamberg (-24) und Ulm (-28) war die BG Göttingen kein Gegner. Die BG erzielt die zweitwenigsten Punkte, nur 72 im Schnitt. Im letzten Jahr gehörten die Göttinger zur besseren Hälfte und erzielten im Schnitt über 80 Punkte pro Partie. Die Gegner dürfen sich gegen Göttingen im Durchschnitt über 93 Punkte freuen. Die Veilchen können in dieser Liga weder verteidigen, noch punkten. Zudem holt kein Team so wenig Rebounds.

Verkorkste Vorbereitung

Die letztjährige Aufstiegssaison war furios und endete fast in den Playoffs. Mit den drei Stars Khalid El-Amin, Raymar Morgan und Alex Ruoff hatte Göttingen in Anbetracht des bescheidenen Etats unfassbar viel Talent im Kader. An guten Tagen konnte dieses Team es mit allen aufnehmen, sogar mit dem Meister. Coach Johan Roijakkers hatte bereits während dieser Zeit appelliert, diese Erfolge zu genießen, denn sie würden sich in Göttingen sobald nicht wiederholen lassen.

In der Vorbereitung auf diese Saison wurde schnell klar: Der große Coup ist diesmal nicht gelungen, nicht einer und schon gar nicht drei. Im Gegenteil. In der Saison 2014/2015 war Göttingen das einzige Team, welches komplett ohne Nachverpflichtungen ausgekommen ist. (OK, vielleicht auch musste…). Johan Roijakkers ist bekannt dafür, dass er lieber mit seinen Spielern arbeitet und versucht ihre Stärken zu sehen, als sie umzutauschen.

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Von den ursprünglich fünf neu verpflichteten US-Amerikanern sind aktuell noch zwei im Team. Der als Schlüsselspieler verpflichtete Marcus Hatten fiel gleich zu Beginn der Vorbereitung durch den Medizincheck. Die Leistungen von Forward Juan Pattillo entsprachen nicht den Erwartungen. Mit Guard Armon Johnson wurde erst der Vertrag aufgelöst und dann wurde er vom Coach indirekt als „asshole“ bezeichnet. In der laufenden Saison trennte sich die BG vom enttäuschendem Guard Ricky Minard.

Von den vier nachverpflichteten US-Guards, zwei in der Vorbereitung und zwei in der Saison, befinden sich noch Marque Perry (Foto) und Terrell Everett im Kader. Lawrence Alexander war zu schlecht, Chris Jones zu gut – dieser wechselte nach einer Topleistung gegen Bamberg umgehend in die französische Liga. Besonders unglücklich war die lange Verletzung von Marque Perry: Er verpasste die ersten sechs Spiele, Göttingen stand in den ersten Partien ohne Aufbauspieler da. Center waren von vornherein nicht eingeplant.

Trainingsmodus statt Wettkampf

Die schlechten und weitgehend ligauntauglichen Leistungen haben die Fanlaune massiv getrübt. Bescheidenheit, Demut – ja, aber muss es gleich Masochismus sein? Nach der jüngsten Heimniederlage gegen den vermeintlich direkten Konkurrenten Phoenix Hagen, nutzten viele Fans die Online-Spielerbenotung in der lokalen Tageszeitung zur kollektiven Abstrafung. Es hagelte pauschal Fünfen und Sechsen, was definitiv nicht den Leistungen aller Spieler gerecht wurde. In den sozialen Netzwerken machen sich Enttäuschung, Ärger und Ratlosigkeit breit.

Im Sommerinterview beschrieb Johan Roijakkers die Kaderplanung folgendermaßen:

„Die Deutschen und die Amerikaner muss man bei der Rekrutierung trennen. (…) Dann möchte ich, dass meine Deutschen Würfe treffen können, dass man sie nicht offen lassen kann. Meine Amerikaner müssen kreieren, und meine Deutschen müssen Schützen sein.“

Da aber die Amerikaner nur unzureichend kreieren, sehen auch die Deutschen nicht gut aus. Roijakkers lobt seine deutschen Spieler in den Pressekonferenzen regelmäßig. Unzufrieden ist er mit seinen Importspielern, denen er etwa nach der Begegnung gegen Hagen pauschal einen nicht ausreichenden „Basketball-IQ“ attestierte. Bereits einige Wochen vorher hatte er angemerkt, dass er noch nicht wisse, wie er mit diesem Kader spielen solle. Zufrieden äußert er sich hingegen immer wieder über die Teamchemie und über die Entwicklung des Teams. Marque Perry beschrieb dies zuletzt in der Presse ähnlich positiv. Roijakkers mahnt stetig zur Geduld und verweist mit Recht darauf, dass sich das Team nach den Umstellungen noch finden müsse. Er sieht fast immer Fortschritte. Dies sogar in Spielen, wo das Zuschauern mit weniger Sachverstand, also allen anderen, unmöglich ist. Dass das Team im vorletzten Spiel in Ludwigsburg endlich Göttinger Basketball gespielt und als Team agiert habe, sahen viele so. Bei der Niederlage in Ulm am Sonntag schienen dagegen nicht nur die Fans konsterniert und peinlich berührt. Ein Rückschritt.

An Kapitän David Godbold liegt es nicht. Er muss viel machen, und er tut es auch.

An Kapitän David Godbold liegt es nicht. Er muss viel machen, und er tut es auch.

Was nun?

Gibt es Hoffnung? Einerseits besteht die Gefahr, dass am Ende der Trainingsphase unter Wettkampfbedingungen, denn um nichts anderes handelt es sich zur Zeit, schlichtweg zu wenig Saison übrig ist, um die nötigen Siege für den Klassenerhalt einzufahren. Die Veilchen müssen nicht besser, sondern vor allem gut werden. Mindestens gut genug, um zwei Konkurrenten hinter sich zu lassen. Dieses Ziel ist greifbar nah: Mit einem Sieg mehr befänden sich die Göttinger schon auf einem Nichtabstiegsplatz! Anders als in den letzten Jahren ist bisher kein Team weit abgeschlagen. Punktearmut ist im Tabellenkeller weit verbreitet. Auch andere Teams haben große Probleme. Der Spielplan bescherte der BG bisher überwiegend Partien gegen höher ambitionierte Teams, nur dreimal spielte Göttingen gegen Konkurrenten mit ähnlicher finanzieller Kragenweite. Von den aktuellen Top 8 hat Göttingen fünf durch. Schlechter Basketball hin, schlechter Basketball her – streng genommen hat Göttingen nur ein einziges Spiel abgegeben, welches man hätte gewinnen sollen: Zu Hause gegen Phoenix Hagen. Dies war Marque Perrys erstes Spiel nach vierwöchiger Verletzungspause.

Es muss erinnert werden, dass ein Göttinger Abstieg angesichts der bescheidenen Rahmenbedingungen, vollkommen normal wäre. Die Zielformulierung lautet, zu den Top 20 zu gehören. Dies schließt mögliche Abstiege mit ein. Johan Roijakkers neuer Dreijahresvertrag gilt aus gutem Grund auch für die ProA. Der Basketballstandort Göttingen soll seriös und nachhaltig etabliert werden. Der Aufbau von Strukturen, etwa im Nachwuchsbereich, benötigt Zeit.

Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist in dieser Saison eine Menge schief gegangen. Während der Marcus-Hatten-Ersatz Marque Perry Form und Rolle sucht (4 Pts, 3 Reb, 3 ass.), startet derweil das genesene Original für den MBC, macht 19 Punkte, legt 6 Assists auf, holt 6 Rebounds und führt sein Team zum Sieg. Life is a bitch. Für die letzte Saison galt Johan Cruyffs berühmte Maxime „Jeder Nachteil hat seine Vorteile.“ Aktuell hat jeder Nachteil nur Nachteile…