„Für mich sind die Positionen Eins, Zwei und Drei das Gleiche.“

20.07.2015

Der Artikel - jetzt auch hier auf der Veilchen-Power e.V. Internetseite zum Lesen. (Quelle: http://basketball.de/bbl/johan-rojakkers-fuer-mich-sind-die-positionen-eins-zwei-und-drei-das-gleiche)

20.07.2015 || 16:18 Uhr von: ,
Johann Rojakkers BG Göttingen
Seinen Tablet-Computer hat Johan Roijakkers immer dabei. Um Erfolg zu haben, muss man entweder das Gleiche wie alle anderen am besten machen, oder aber etwas komplett anderes und neues versuchen. Für einen Low-Budget-Cl...

Seinen Tablet-Computer hat Johan Roijakkers immer dabei. Um Erfolg zu haben, muss man entweder das Gleiche wie alle anderen am besten machen, oder aber etwas komplett anderes und neues versuchen. Für einen Low-Budget-Club bleibt nur letzteres. Johan Roijakkers verweist begeistert auf den aktuellen dänischen Fußballmeister FC Midtjylland. Dieser Club vertraut auf mathematische Modelle und Algorithmen (vgl. auch Magazin 11 Freunde Juni 2015). So wurde dort z.B. der komplette Spielerkader mit Hilfe mathematischer Modelle rekrutiert. Ganz so weit ist es in Göttingen noch nicht, aber Coach Roijakkers arbeitet daran. Big Brother Johan is watching you…


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Court Review: Wir wollen nun zu deinem Lieblingsthema kommen: Big Data. Du nutzt ein Spieler-Tracking System. Auf der Seite von Catapult-sports heißt es: „Catapult ist ein allumfassendes Performance-Monitoring-Tool.“ Ihre Spieler haben im Training immer einen Chip im Trikot, der diverse Daten erfasst. Wie jemand läuft, sich dreht, bremst, beschleunigt usw..

Johan Roijakkers: Für mich ist das Wichtigste zu wissen, wie viel Trainingsbelastung ich den Spielern zumuten kann, was gut ist für ihre Knochen und ihre Muskeln. Ich habe am Spielfeldrand einen Laptop, wo ich live die Daten verfolgen und sehen kann wie viel Belastung gerade auf die Spieler einwirkt. Es ist wichtig innerhalb der Woche die Belastung zu dosieren, damit vor einem Spiel nicht übertrainiert wird. Aus meiner Zeit bei den Houston Rockets weiß ich genau, wie viel Belastungspunkte (load) eine bestimmte Trainingseinheit hat. So weiß ich schon vorher, wie belastend ein Training ist und kann das planen.
Es gibt „heavy-load players“. Die springen höher, kommen härter auf, so dass sie mehr Druck ausüben. Dominik Spohr ist ein „heavy-load guy“, weil er immer so hart spielt. Wenn ich dann sehe, Dominik ist über dem 500er Limit, schone ich ihn, weil er für diesen Tag genug Druck auf seinen Knochen und seinen Muskeln hatte. Das ist der tägliche Nutzen.

Benutzen andere BBL Teams das auch?

So weit ich weiß nicht.

Aber wir dürfen das schreiben? Es ist kein Geheimnis?

Natürlich. Kein Problem. Es wäre gut, wenn andere Teams das auch benutzen würden, denn dann könnten wir Daten und Erfahrungen austauschen. Das ist aber nur 3% des ganzen Systems. Als wir es in der ProA für 3 Monate nutzten, haben wir die Daten zu einem Mitarbeiter der Houston Rockets in die Dropbox geschickt und der hat das für uns analysiert. Er kannte die Spieler nicht, er kannte nur die Namen, die Positionen, das Gewicht und die Geburtsdaten. Eines Tages kam er zu mir wegen Dunbar und fragte, ob etwas mit dem Spieler nicht stimme, weil er sich sehr gut nach links, aber nicht nach rechts bewegen würde. Wir dachten: Verdammt stimmt. Er hatte in der Vergangenheit eine Verletzung. Einmal fragte er mich, warum Grimaldi sich plötzlich nicht mehr so hart bewege. Wir waren am Anfang und dachten, wir müssten ihn mehr motivieren. Aber drei Tage später war Marco verletzt, weil er übertrainiert war. Wir sahen es in den Daten kommen, aber wir haben nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Er hätte eine Pause gebraucht. Wenn Daten plötzlich anders oder komisch sind, muss man sich Gedanken machen. Manchmal hat einer auch nur nicht richtig geschlafen.
Ich nutze die Daten jeden Tag, aber ich gehe damit nicht immer zu dem Spieler. Wenn er schlecht gespielt hat, weiß er das selber. Aber manchmal glaubt er fälschlicherweise, dass er gut war und dann können Daten helfen ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Johan RoijakkersDas gehört dann alles auch in die Kategorie: Wir müssen cleverer sein als die anderen.

Ja, sonst haben wir keine Chance.

Du bist auch sonst ein Statistik-Freak und versuchst möglichst viele Daten zu erfassen. Die Advanced Stats sind allgemein ein großes Thema. Natürlich auch bei Court Review. Kennst Du die interaktive Software von unserem Kollegen „Korbanbeter“?

Ja. Das kenne ich. Das ist sehr interessant.

Du vergibst Punkte für gute Aktionen, die nicht in der BBL-Statistik auftauchen. Warum und wofür gibt es Punkte?

Wenn Kamp einen guten Block für Godbold setzt und Godbold trifft den Dreier, hat Kamp in der normalen Statistik nichts. In meinem System bekommt er dafür einen Punkt.
In unserem System wollen wir, dass die Spieler in die Ecken rennen, so schnell sie können. Immer wenn sie es schaffen aus der Kamera heraus zu rennen, bekommen sie einen Punkt. Ein Pointguard kann das natürlich nicht immer machen. Wenn der schnell nach vorne passt, ist das auch ein Punkt. Du musst allen die Möglichkeit geben, Punkte zu machen. Die Bigmen bekommen einen Punkt für einen Outlet-Pass. Wenn der Big Guy den Outlet spielt, der Point Guard den Ball nach vorne bringt und die Flügel aus der Kamera rennen – thats money.

Du legst also nicht nur Wert auf das, was am und mit dem Ball passiert, sondern auch auf das Drumherum.

Wenn Boykin 9 Punkte in sieben Minuten macht, bedeutet das für mich nichts. Ich will wissen, wie wir diese 9 Punkte bekommen haben.

Kommen in der Saison immer neue Sachen dazu?

Die Basis bildet das System der Houston Rockets. In den ersten Jahren habe ich viele dazu erfunden, aber es werden natürlich weniger.

Was ist mit der Defense?

Defensive Punkte mag ich auch. Die Spieler mögen es nicht, darum mag ich es. In der Defensive gibt es Minuspunkte, z.B. wenn nicht ausgeblockt wird. Wenn man „gambled“, also auf den Steal spekuliert, gibt es Minuspunkte, das ist immer Davids Kategorie… (lacht).

Besteht nicht die Gefahr in der Datenflut unterzugehen?

Man kann nach jedem Spiel immer leicht 50 Sachen aufschreiben, die besser werden müssen. Aber man muss sich fokussieren. Wenn man zwei oder drei Sachen besser macht, gehen die anderen automatisch. Ich will ein totales Bild haben, aber am Ende fokussiere ich mich auf wenige Sachen.
Beispiel „defense transition“: Wenn ich dafür sorge, meine Spieler in die richtige Position zu bekommen, dann können wir nicht nur den Angriff stoppen, sondern wir sind auch richtig positioniert um auszuboxen und den Rebound zu bekommen. Das eine führt zum anderen.

Johan Roijakkers PK 2014/ 2015Zum Schluss wollen unsere Leser einen Ausblick: Es gibt einen großen personellen Umbruch. Du musst wieder cleverer sein als andere. In der vergangenen Saison gab es einige Risiko-Verpflichtungen, die aber voll eingeschlagen haben. Was hast du diesmal vor?

Ich will gar nicht soviel Risiko gehen, aber ich muss, denn sonst steigen wir ab.

Die Verpflichtung von El-Amin und Morgan war eigentlich nicht mutig. Wenn kein Seil greifbar ist, muss man den Strohhalm nehmen. Wir konnten nur gewinnen.

Genau. Ich muss. Ich könnte jetzt sofort die ganze Mannschaft verpflichten. Es gibt genug Spieler, die wir bezahlen können. Aber ich bin mir sicher, dann steigen wir ab. Darum warte ich lieber. Vielleicht sind die finanzierbaren Spieler im August nicht besser. Ich weiß es nicht, aber es besteht die Chance.

Hast du bereits bestimmte Spielertypen oder gar Spieler im Kopf oder musst du einfach schauen, was du bekommen kannst und dann sehen was du daraus machst?

Die Deutschen und die Amerikaner muss man bei der Rekrutierung trennen. Wir hätten auf den deutschen Positionen gerne wieder Veteranen gewählt, aber es sind keine da. Dann wollte ich Spieler haben, die zuletzt viele Minuten gespielt hat. Malte Schwarz hat in den letzten Jahren immer 15-20 Minuten gespielt. Mathis Mönninghoff ist jung, aber er hat im letzten Jahr 25 Minuten im Schnitt gespielt. Das war wichtig für mich. Ich will bei den Deutschen nicht so viele Risiken eingehen. Es sieht ein wenig aus wie im letzten Jahr, aber da hatten wir nur drei deutsche Profis, weil wir nicht mehr Geld hatten. Dieses Jahr haben wir fünf deutsche Profis. Das ist ein riesiger Schritt für uns.
Dann möchte ich, dass meine Deutschen Würfe treffen können, dass man sie nicht offen lassen kann. Meine Amerikaner müssen kreieren und meine Deutschen müssen Schützen sein. Wenn ich sage, wir sind besser aufgestellt, soll das gegenüber den letztjährigen Profis nicht respektlos sein. Wir sind jetzt anders. Wir haben jetzt weniger Defense und weniger Erfahrung, aber mehr offensive Feuerkraft.
Bei den Amerikanern suche ich bestimmte Spielertypen, aber mit unserem Budget bekomme ich nicht genau die, die ich will.

Alles ab 2,07 m wird zu teuer?

Ab 2,04 m schon. So ist es nun mal. Wenn da einer ist, bei dem ich dies und das nicht mag, aber er ist der talentierteste Spieler, den ich bekommen kann, dann muss ich ihn nehmen. Weil ich Talent brauche! Du brauchst genug Talent, um in der BBL zu bleiben.
Am liebsten hätte ich jede Position doppelt mit einem Deutschen und einem Amerikaner besetzt. Das war nicht möglich. Das Gute ist, dass wir wie im letzten Jahr viele deutsche Guards haben. Wir haben gesehen, dass es möglich ist mit so vielen Guards zu spielen. Richtige deutsche Pointguards gibt es kaum.

War der letztjährige Kader nicht eher Forwardlastig? Eigentlich hatten wir auf der Eins nur El-Amin. DeMello hat es hin und wieder versucht. Godbold…

DeMello ist ein gutes Beispiel, um zu sagen wie wir spielen! Wie ich Leute gefragt habe, ob DeMello in der BBL die Eins spielen kann, haben die alle nein gesagt. Er selbst auch. Aber bei uns konnte er das! In unserem System muss er nur zweimal dribbeln und den Ball abgeben.

Johan Roijakkers mit Behiense De MelloDie berühmte „Pushguard-Offense“!

Für mich sind die Positionen eins, zwei und drei das Gleiche. Wenn der Ball abgegeben ist und alle Spieler sich bewegen, sind alle gleich und sollen das tun, worin sie gut sind. Ich sehe da dann keinen Unterschied mehr.

Wenn der Gegner starken Druck ausgeübt hat, hatten wir im Spielaufbau ohne El Amin oft ein Problem.

Ja. Aber das hat vielleicht mehr mit unserer Verteidigung zu tun.

Wie das?

Wenn wir verteidigen, bekommen wir keine Presse vom Gegner. Warum müssen wir immer gegen diese Pressen kämpfen? Weil wir nicht verteidigen! Wenn wir gut verteidigen und den Rebound haben, können wir sofort nach vorne pushen.

An der Kritik ist natürlich etwas Wahres dran. Jedes Jahr muss ich mich als Coach entwickeln und wenn ich das tue, entwickelt sich meine Mannschaft auch. Eines meiner Ziele für die nächste Saison lautet: Wir müssen besser organisiert sein, wenn unser ballführender Spieler unter Druck gesetzt wird. Ich finde nicht, dass wir das letzte Saison gut gemacht haben.

Wir hatten sehr viele Ballverluste.

Ja, aber nur am Anfang. Das hat etwas mit dem Zusammenspiel zu tun. In der zweiten Saisonhälfte war das viel besser und wir lagen im Ligamittelfeld.

Vor genau drei Jahren wurdest du in Göttingen als neuer Trainer vorgestellt. Wir hatten ein schlimmes Jahr hinter uns, mit Abstieg und Insolvenz. Du kamst als slowakischer Meister. Jetzt sitzen wir hier in einer sehr guten Situation. Wie siehst du die nächsten drei Jahre?

Das erste Jahr war schwierig. Wir hatten mit der Vergangenheit zu kämpfen. Ich weiß nicht, was die Spieler vorher gemacht haben, aber auf die Mannschaft wurde überall negativ reagiert. Dieses Negative kam vielleicht nicht so sehr von den Hardcorefans, aber es kam da wo die Spieler hingehen. Jetzt lieben uns alle! Die tun alle alles für uns. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich die Dinge entwickelt haben.
Die neue Trainingshalle wird großartig sein. Es wird sehr gut für unsere Jugendspieler. Es ist sehr schwierig, junge Spieler zu entwickeln. Es ist toll, was uns mit Andrew Onwuegbuzie gelungen ist. Wir müssen mit unseren jungen Spielern arbeiten. Ich kann mometan nicht zu ihm sagen: Geh eine halbe Stunde vor dem Training in die Halle und arbeite an deinem Dribbling, weil da eine Schulklasse in der Halle ist. Nach dem Training geht es auch nicht, weil da eine neue Schulklasse in die Halle kommt. Mit der neuen Trainingshalle wird vieles besser und wir können mehr machen. Mit den neuen Büros ist es genauso. Ich verliere im Moment so viel Zeit beim Herumfahren.

Göttingen muss ein Standort werden, der für junge Talente aus ganz Deutschland attraktiv ist, wo sie gute Bedingungen vor finden.

Das ist ein schönes Thema. Letztes Jahr ist es richtig gut gelaufen. Wir haben jetzt eine sehr gute Zusammenarbeit zwischen Profi- und Jugendbereich. Wir haben noch einen weiten Weg, aber wir entwickeln uns sehr gut.

Vielen Dank für das Gespräch und eine gute Reise nach Las Vegas! Heißer kann es in der Wüste auch nicht sein.

Gerne. Die haben da zumindest sehr gute Klimaanlagen.